Wie viele Abtreibungen gibt es pro Jahr? Wie viele der Schwangeren bereuen später ihre Entscheidung? Und wie viele Gynäkolog*innen bieten Schwangerschaftsabbrüche überhaupt an?

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Das Internet ist ein wichtiges Medium zur Informationsverbreitung. Etwa 49 % der Frauen [1] im sogenannten Schwangerschaftskonflikt nutzen digitale Medien, um sich über Schwangerschaftsabbrüche zu informieren. Dies ging aus einem Forschungsprojekt der @universitaet.tuebingen hervor [2]. Doch im Internet sind nicht nur neutrale und ärztliche Informationsangebote über Abtreibungen zu finden. Auch Abtreibungsgegner*innen verbreiten im Internet ideologisch aufgeladene und zum Teil verzerrte, falsche Informationen.

Da die meisten Personen bei der Internetrecherche eine der ersten Websites öffnen, die bei Google angezeigt werden, ist es bedeutsam, eine hohe Platzierung innerhalb der Suchresultate zu erreichen. Die Suchresultate im Internet sind zwar stark durch das individuelle, vorherige Rechercheverhalten beeinflusst, allerdings können bei der Erstellung von Webseiten bis zu 200 Kriterien beachtet werden, die den Rankingalgorithmus von Suchmaschinen beeinflussen. Dabei werden zum Beispiel bestimmte Schlüsselwörter wie #Abtreibung in den URLs verwendet und häufig in den inhaltlichen Texten oder in weiterführenden Links der Websites platziert. Dieses Vorgehen wird als „Search Engine Optimization" (SEO) (zu Deutsch „Suchmaschinenoptimierung") bezeichnet und zielt darauf ab, besonders prominente Platzierungen unter den Suchresultaten zu erreichen [3]. Diese Vorgehen wird unter anderem intensiv von politisch motivierten Akteur*innen genutzt. Auch die „Lebensschutz“-Bewegung befassen sich bereits seit längerem mit SEO.

Personen, die im Internet nie zuvor zu einem #Schwangerschaftsabbruch recherchiert haben und über Google das Wort „Abtreibung“ suchen, bekommen Webseiten von radikalen Abtreibungsgegnerinnen deshalb häufig als erstes Suchergebnis angezeigt. Laut eines Artikels des @gwi_feminismus der @boellstiftung zählt hierzu beispielsweise die Seite “abtreibung.de”. Auf Webseiten wie dieser werden oftmals verstörende Inhalte präsentiert, die ein gänzlich falsches Bild von Schwangerschaftsabbrüchen vermitteln. Durch das methodische Vorgehen mittels SEO finden sich leider viele um Rat suchende Personen häufig ungewollt auf Seiten von „Lebensschützerinnen“ wieder.

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2023 wurden in #Deutschland 106.218 Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt. Bei 365 Tagen im Jahr sind das 291 Abbrüche pro Tag. Das entspricht einem #Schwangerschaftsabbruch nicht einmal alle fünf Minuten. Da eine #Abtreibung in der Regel jedoch nur von Montag bis Freitag durchgeführt wird, finden im medizinischen Alltag sogar 407 Abtreibungen pro gezähltem Tag statt. Das wäre dann eine Abtreibung alle dreieinhalb Minuten.

Unsere Gesellschaft sollte aufhören so zu tun, als sei ein Schwangerschaftsabbruch ein seltener, abnormaler Eingriff. Die Statistiken beweisen deutlich das Gegenteil. Wir müssen uns dafür einsetzen, dass fachliche, sichere Abbrüche für Betroffene leicht in Anspruch zu nehmen sind - ohne gesetzliche und geografische Hürden und ohne gesellschaftliche Ächtung.

Dafür könnt ihr euch sogar mit wenigen Klicks einsetzen, indem ihr bspw. diese beiden Kampagnen mit eurer Unterschrift unterstützt:

#WegMit218 wurde von @prochoice_de ins Leben gerufen und fordert die Streichung des § 218 StGB, der in Deutschland momentan Schwangerschaftsabbrüche kriminalisiert und massiv einschränkt. Unterschreiben könnt ihr unter https://innn.it/wegmit218.

Mit einer europäischen Bürger*inneninitiative setzen sich @myvoicemychoiceorg für einen europaweiten sicheren Zugang zu Abtreibungen. Unterschreiben könnt ihr unter https://eci.ec.europa.eu/044/public/#/screen/home.

#ProChoice #MyBodyMyChoice #MyVoiceMyChoice #Abortion #AbortionRights #AbortionIsHumanright #AbortionIsHealthcare

Quelle:

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Inhaltswarnung: Zwangssterilisation, Rassenideologie

Unsere Kampagne setzt sich für die #Entstigmatisierung sowie #Enttabuisierung von Schwangerschaftsabbrüchen ein und befürwortet klar die #Legalisierung von Abtreibungen. Gleichzeitig sind wir fest davon überzeugt, dass reproduktive Rechte und Gesundheit auch die freie Entscheidung für eine #Schwangerschaft umfassen sollten, unabhängig von Faktoren wie beispielsweise Sexualität, Glaube oder Herkunft. Deshalb möchten wir euch heute über (historische) Extrempositionen informieren, die darauf abziel(t)en, bestimmte Personengruppen von der Fortpflanzung auszuschließen.

Der Begriff #Eugenik, Ende des 19. Jahrhunderts von Francis Galton geprägt, bezeichnet die „Lehre von der gezielten Beeinflussung erbbedingter Eigenschaften“. Galton unterteilte die Menschheit in zwei Kategorien: solche, deren Fortpflanzung erwünscht war, und solche, deren Fortpflanzung als unerwünscht galt. Ein zentrales Merkmal der Eugenik war die Vorstellung, den Menschen durch “gezielte Zucht” verbessern zu können. Galton zog aus eigenen Untersuchungen den Schluss, dass die sogenannten "Erbminderwertigen" sich schneller fortpflanzten als die "Erbhochwertigen".

1907 wurde im US-Bundesstaat #Indiana das erste Eugenikgesetz verabschiedet, das Zwangssterilisationen aus eugenischen Gründen ermöglichte. Weitere Bundesstaaten folgten mit ähnlichen Gesetzen. In vielen nordeuropäischen Ländern wurden ab den späten 1920er-Jahren Sterilisationsgesetze eingeführt, die sich gegen genetisch "unerwünschte" Personen richteten.

Einen grausamen Höhepunkt dieser menschenverachtenden Bevölkerungspolitik wurde in den 1930ern und 1940ern in #Deutschland erreicht. 1934 trat das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" (GzVeN) in Kraft. Bis 1945 wurden ca. 400.000 Menschen zwangssterilisiert. Noch heute werden in einigen Ländern Zwangssterilisationen praktiziert, wie zum Beispiel in #China, wo Uigur*innen gegen ihren Willen sterilisiert werden. Auch in Deutschland ist es immer noch möglich, Menschen mit einer Behinderung unter strengen Bedingungen, ohne ihre explizite Einwilligung zu sterilisieren.

#ProChoice #MyBodyMyChoice #ReproductiveRights

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Ein häufiger Mythos rund um den #Schwangerschaftsabbruch ist, dass vor allem junge Menschen abtreiben würden. Oft hängt damit das gesellschaftliche Bild einer jungen, naiven und kinderlosen Frau [1] zusammen.

Ein Blick in die Zahlen von @statistisches.bundesamt aus dem Jahr 2023 räumt mit dem Mythos auf: Lediglich 2,65 % derjenigen, die eine #Abtreibung vornahmen, waren minderjährig. 51,36 % waren über 30 Jahre alt. Die Altersgruppe, die am häufigsten vertreten war, waren die 30- bis 35-Jährigen: Von 106.218 Abtreibungen im Jahr 2023 erfolgten 25.035 in dieser Altersgruppe, also 23,57 %. Knapp danach folgte die Gruppe der 25- bis 30-Jährigen mit 23.777 Abtreibungen, die 22,39 % aller Abtreibungen ausmachten. In der Altersgruppe 35 – 40 Jahre waren es 20.499 und somit 19,3 % aller Abtreibungen. 20.123 Abbrüchen und somit 18,94 % aller Abbrüche wurden bei 20- bis 25-Jährigen verzeichnet. Über 40-Jährige hatten 9.019 Abtreibungen, was 8,5 % ausmachte. In der Gruppe der 18- bis 20-Jährigen waren es 4.949 Abbrüche (4,66 %).

Welche Schlussfolgerung können wir aus diesen Zahlen ziehen? Es sind zum größten Teil erwachsene Menschen, die oft bereits mitten im Leben stehen. Sie wissen, was sie im Leben wollen und bieten können. Leider fehlt im gesellschaftlichen Diskurs sowie in der medialen Darstellung oft genau die Repräsentation dieser wichtigen Gruppe: Die erwachsenen, erfahrenen Personen, die ebenfalls abtreiben.

[1] Wir nutzen hier bewusst das Wort Frau, da es sich hier um das vorherrschende Bild einer Frau in der Mehrheitsgesellschaft geht. Diesem stereotypen Bild widersprechen wir jedoch explizit, nicht alle Frauen sind gebärfähig und nicht jede gebärfähige Person ist eine Frau

#ProChoice #WegMit218 #Abortion #AbortionRights #AbortionIsHealthcare #MyBodyMyChoice #ReproductiveRights #ReproductiveHealth

Quellen:

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Umfrage zu Abtreibungen in Deutschland

Momentan regelt der § 218 des Strafgesetzbuchs in Deutschland noch immer den Schwangerschaftsabbruch und kriminalisiert somit einen alltäglichen medizinischen Eingriff. Eine von der Regierung beauftragte Expert*innenkommission hat im April u.a. empfohlen, den Schwangerschaftsabbruch bis zu einer bestimmten Frist zu legalisieren. Jetzt liegt es an der Bundesregierung, diese Empfehlungen umzusetzen. Klar ist, die Forderung nach Legalisierung ist nicht neu! Schon lange fordern Pro-Choice-Aktivist*innen, medizinisches Personal und auch viele Bürger*innen, dass §218 StGB fällt.

Eine repräsentative Bevölkerungsumfrage im Auftrag des Bundesministeriums für Familien, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) bestätigt den Wunsch nach einer Gesetzesänderung: Ca. 75 % finden, dass der Schwangerschaftsabbruch nicht mehr im Strafgesetzbuch geregelt werden soll. Mehr als 80 % der deutschen Bevölkerung halten es zudem für falsch, dass eine Abtreibung nach der Beratungsregelung zwar strafrechtlich nicht verfolgt wird, aber noch immer als rechtswidrig gilt.

Selbst Wähler*innen von Parteien, die gerade sehr laut für die weitere Kriminalisierung plädieren, stimmen mehrheitlich so ab:

  • 77,5 % der befragten Unions-Wähler*innen und
  • 67,4 % der befragten AfD-Wähler*innen

sprachen sich gegen die momentane Rechtswidrigkeit eines Abbruchs nach der Beratungsregelung aus.

Mehrheitlich tun dies auch Wähler*innen anderer großer Parteien:

  • 93,9 % der befragten Linken-Wähler*innen
  • 92,4 % der befragten Wähler*innen des Bündnis 90/Die Grüne
  • 87,5 % der befragten SPD-Wähler*innen

Ebenfalls wurde nach der Religionszugehörigkeit gefragt: In allen befragten Religionsgruppen fanden Personen die Rechtswidrigkeit falsch, bei den Katholik*innen waren es ca. 65 %.

Wir fordern weg mit218! Schwangerschaftsabbrüche müssen legalisiert und entkriminalisiert werden!

Quellen:

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Elsa-Studie: Berater*innen und Ärzt*innen wünschen sich rechtliche Verbesserungen bei Schwangerschaftsabbrüchen

Im April wurden erste vorläufige Ergebnisse der größten deutschen Versorgungsstudie ("ELSA-Studie") zum Schwangerschaftsabbruch vorgestellt.

Innerhalb dieser groß angelegten Studie untersuchten die Hochschulen Merseburg und Fulda den Verbesserungsbedarf, den Berater*innen aus Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen und Ärzt*innen u.a. im rechtlichen Bereich sehen.

In der Teilstudie der HS Merseburg äußerten 212 von 378 befragten Berater*innen den Wunsch nach Verbesserungen im Bereich der rechtlichen Regelungen. Mehrfachnennungen waren dabei möglich. Folgende Aspekte wurden angesprochen:

  • 56 Berater*innen wünschten sich die Streichung aus dem StGB
  • 31 Berater*innen wünschten sich die Abschaffung der Pflichtberatung
  • 27 Berater*innen wünschten sich eine allgemeine Kostenübernahme des Schwangerschaftsabbruchs
  • 20 Berater*innen wünschten sich die explizite Formulierung einer freiwilligen Beratung im Gesetz

In der Teilstudie der HS Fulda wurden zum einen Gynäkolog*innen, unabhängig davon, ob sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen oder nicht, und Gynäkolog*innen, die Abtreibungen durchführen (sogenannte Anbieter*innen), zu gewünschten Veränderungen befragt, um die Versorgung zu verbessern oder ihre ärztliche Tätigkeit zu erleichtern. Auch hier wurden Verbesserungen im rechtlichen Rahmen angesprochen:

  • 444 Gynäkolog*innen (75,1 % aller Befragten) und 238 Anbieter*innen (82,9 % aller Befragten) wünschten sich eine Regelung außerhalb des StGB
  • 407 Gynäkolog*innen (63,5 % aller Befragten) wünschten sich eine allgemeine Kostenübernahme des Schwangerschaftsabbruchs
  • 237 Anbieter*innen (89,8 % aller Befragten) wünschten sich das rechtliche Verbot von Gehsteigbelästigung

Häufig werden die Forderungen von Pro-Choice-Aktivist*innen nach rechtlichen Änderungen belächelt. Jetzt haben wir allerdings einerseits klare Empfehlungen einer von der Regierung einberufenen Expert*innen-Kommission, als auch Daten aus der größten Versorgungsstudie Deutschlands, die diese Forderungen untermauern.

Wir fordern #wegmit218!

Quellen:

  • Forschungsprojekt ELSA: „Erfahrungen und Lebenslagen ungewollt Schwangerer. Angebote der Beratung und Versorgung“ - vorläufige Ergebnisse aus der Online-Tagung am 10.04.2024.
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Kann man einen medikamentösen Schwangerschaftsabbruch rückgängig machen? Nein!

Habt ihr schon einmal von „abortion reverseal“ gehört? Das experimentelle Verfahren „Rückgängigmachen einer Abtreibung“ wurde erstmals 2012 in einem Fallbericht über 6 Frauen beschrieben. Die Verabreichung von Progesteron nach einer medikamentösen Abtreibung sollte angeblich die Wirkung von Mifepriston stoppen und somit den Abbruch rückgängig machen. Ein weiterer Fallbericht aus 2018 behauptet eine angebliche Erfolgsquote von 64 %.

Bei beiden Fallberichten wurden wissenschaftliche Grundsätze missachtet: Es gab keine Überprüfung durch eine Ethikkommission und keine angemessene Einwilligung der Teilnehmenden. Der Datenbericht war unvollständig. Die Lebensfähigkeit der Schwangerschaft wurde teilweise vor der Progesterongabe beurteilt, was möglicherweise die „Erfolgsquote“ künstlich erhöht hat.

Der Anteil von Personen, die ihre medikamentöse Abtreibung rückgängig machen wollen, wird auf weniger als 0.005 % geschätzt. Trotzdem wird diese Prozedur häufig noch immer in sog. „Krisencentern“ in den USA von meist ideologischen Mitarbeitenden ohne medizinischen Hintergrund als „Hilfsangebot“ angepriesen.

Auch in Deutschland ist „abortion reverseal“ ein Problem. ZDFheute veröffentlichte ein Video über die Stiftung „Ja zum Leben“ und den „Bund Lebensrecht“. Dort bot eine „Lebensschützerin“ und Ärztin eine Behandlung an, bei der ein Medikament im „Off-Label-Use“ [1] angeblich eine Abtreibung rückgängig machen soll.

Dabei ist die Effektivität und vor allem die Sicherheit von „abortion reverseal“ nicht belegt!

Eine Studie an der University of California, die wissenschaftliche und ethische Ansprüche erfüllte, wurden einige Teilnehmer*innen nach der Einnahme von Progesteron wegen starker Blutungen im Krankenhaus behandelt. Die Studie wurde abgebrochen. Auch eine aktuelle Veröffentlichung konnte keine hinreichenden Belege für die Empfehlung von Progesteron nach einer Meinungsänderung nach Mifepriston liefern.

Was wir wissen: mit dem 1. Medikament Mifepriston wird sehr wahrscheinlich bereits der Prozess des Schwangerschaftsabbruchs in Gang gesetzt, welches dann durch das 2. Medikament Misoprostol unterstützt wird.

Das vermeintliche Ziel von Abtreibungsgegner*innen ist es, „pro life“ zu sein. Unserer Ansicht nach hat das Leben von schwangeren Personen für diese Gruppen jedoch keine Relevanz, vielmehr steht die Durchsetzung der eigenen Ideologie im Mittelpunkt. Dafür werden die ambivalenten Gefühle von ungewollt Schwangeren, die vor/während/nach dem Schwangerschaftsabbruch vorhanden sein dürfen und normal sind, ausgenutzt.

[1] „Off-Label-Use“ meint den Einsatz eines Arzneimittels außerhalb der von den nationalen oder europäischen Zulassungsbehörden genehmigten Anwendungsgebiete. In manchen Fällen wird ein Präparat oder eine Behandlung für ein anderes Krankheitsbild oder in einer anderen Dosierung oder Anwendungsform verordnet als dies in der Zulassung vorgesehen ist.

Quellen:

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Medizinische Indikation - Welche Diagnosen akzeptieren Ärzt*innen für einen Schwangerschaftsabbruch nach der 14. SSW p.m.?

Ein Schwangerschaftsabbruch in Deutschland ist illegal, wird jedoch in drei Fällen nicht strafrechtlich verfolgt: bei der Beratungsregelung, bei der kriminologischen und bei der medizinischen Indikation. Heute wollen wir uns die letzte der Dreien anschauen.

Die medizinische Indikation besteht, wenn für die schwangere Person Lebensgefahr oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung der psychischen oder physischen Gesundheit vorliegt. Eine schwere Schädigung des Embryos oder Fötus ist hierbei nicht explizit aufgeführt, wird jedoch von Ärzt*innen als Grund für eine medizinische Indikation akzeptiert. Ein medizinisch begründeter Abbruch kann auch nach der 14. SSW p.m. erfolgen. Doch wie schwer ist es, die medizinische Indikation zu erhalten bzw. jemanden zu finden, der_die danach eine Abtreibung durchführt?

2021 wurden in Deutschland im Rahmen einer Studie alle 766 Kliniken mit gynäkologischer Abteilung zu ihrem Angebot zum Schwangerschaftsabbruch im 2. und 3. Trimester befragt. Nur 46 von 766 Kliniken gaben an, auch nach der 14. SSW p.m. nach der medizinischen Indikation abzutreiben. 45 von 46 Klinken gaben an, die medizinische Indikation im Fall eines auffälligen PND-Befundes [1] anzuerkennen. 32 der 46 Kliniken akzeptierten eine medizinische Indikation bei einer schweren körperlichen Erkrankung der schwangeren Person. Lediglich 19 der 46 Einrichtungen ließen eine medizinische Indikation bei psychischen oder psychiatrischen Erkrankungen der schwangeren Person zu, ohne dass ein auffälliger PND-Befund vorhanden war.

2022 fanden 3.924 Abbrüche nach der medizinischen Indikation und davon 3.113 nach der 14. SSW p.m. statt. Auch wenn nicht bekannt ist, wie viele dieser Abbrüche nach welcher Begründung innerhalb der medizinischen Indikation durchgeführt wurden, wird deutlich, dass sich vor allem die medizinische Indikationen aus psychischen Gründen als schwierig erweist. Unabhängig davon, ob die Begründung genutzt wird oder nicht, sollten mehr der 19 Kliniken in ganz Deutschland die Möglichkeit bieten, eine Schwangerschaft bei schwerwiegenden psychischen oder psychiatrischen Erkrankungen zu beenden. Betroffene sollten in solch einer schwierigen Situation nicht quer durch Deutschland reisen müssen, um Hilfe zu erhalten.

[1] Pränataldiagnostik (PND) meint eine vorgeburtliche Diagnostik. Unter diesem Begriff werden Tests zusammengefasst, die gezielt nach Hinweisen auf Fehlbildungen oder genetische Abweichungen bei Embryos bzw. Föten suchen.

Quellen:

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Regretting Parenthood

Seit Anfang des 19. Jahrhunderts gilt die traditionelle Kernfamilie mit Vater, Mutter, Kind(er) als einzig mögliche Lebensrealität. Innerhalb der letzten Jahre wandelte sich dieses traditionelle Familienbild jedoch – inzwischen gibt es auch u.a. Familienkonzepte wie Regenbogenfamilien, Familien mit mehreren Elternteilen oder Patch-Work-Familien. Genau so gibt es aber auch immer mehr Familienkonzepte, in denen ein Kind oder mehrere Kinder kein Bestandteil sind und Personen gewollt kinderfrei bleiben.

Häufig wird diesen Personen mit Unverständnis begegnet. Aussagen wie „Wenn du einmal ein Kind hast, wirst du sie lieben!“ oder „Du bist noch zu jung, du kannst das noch gar nicht entscheiden!“ bekommen gewollt kinderfreie Menschen häufig zu hören. Dabei ist es absolut legitim, für sich zu entscheiden, dass man keine Kinder bekommen möchte. Häufig entpuppen sich Schwangerschaften und Elternschaften nämlich doch als „Regretting Parenthood“ (zu Deutsch „das Bedauern der Elternschaft“).

Eine repräsentative Studie über mehrere Jahre unter Eltern in Deutschland und den USA fand heraus, dass 8 bis 17 % der Befragten es bereuten, Kinder bekommen zu haben.\ Eine andere Studie aus dem Jahr 2021 in Polen kam zu einem Ergebnis von 13,6 % und untersuchte darüber hinaus, welche Gründe zu diesem Bedauern führen könnten. Polnische Eltern, die durch ein höheres Maß an negativen Kindheitserfahrungen gekennzeichnet sind, eine schlechtere psychische Gesundheit haben, eine starke elterliche Identitätskrise sowie elterlichen Burnout erleben oder keine finanzielle Sicherheit empfinden, gaben häufiger an, die Elternschaft zu bereuen. Es wird deutlich, dass es absolut legitim ist, die eigene psychische Gesundheit und finanzielle Sicherheit voranzustellen.

Selbstverständlich bedarf es auch keiner Gründe oder Erklärungen dafür, kinderfrei leben zu wollen. Niemand sollte dafür ver- oder beurteilt werden, sich für oder gegen Kinder zu entscheiden! Niemand sollte sich erklären müssen! Die reproduktiven Entscheidungen anderer Personen gehen niemanden etwas an.

Quellen:

  • Konrad Piotrowski (2021). How many parents regret having children and how it is linked to their personality and health: Two studies with national samples in Poland. Online einsehbar: https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371%2Fjournal.pone.0254163

  • Lüschen, G., Heiskanen, V.S., Ward, C., Blood, R.O., Lewis, M. (1970). Familie und Verwandtschaft Interaktion und die Funktion von Ritualen. In: Lüschen, G., Lupri, E. (eds) Soziologie der Familie. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-663-19652-5_14

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Wie steht die Evangelische Kirche Deutschlands zu § 218 StGB?

Wenn wir über einen Schwangerschaftsabbruch im Kontext von Religion sprechen, wird häufig die Sicht der Katholischen Kirche angesprochen. Diese ist nicht ganz so eindeutig, wie man denken mag: Während Papst Franziskus bspw. den medizinischen Eingriff mit Mord verglich, gibt es katholische Pro-Choice-Aktivist*innen wie Catholics for Choice, die sich für eine freie Entscheidung einsetzen. Wie sieht es im Gegensatz dazu bei der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) aus? Ähnlich unklar.  \ Im Rahmen der Überlegungen der Bundesregierungen, das deutsche Abtreibungsgesetz zu ändern, wurde nun u.a. auch die EKD um eine Stellungnahme gebeten.\ Der offizielle Vorschlag des Rates der EKD: Nach einer Pflichtberatung soll ein Abbruch bis zur 22. SSW p.c. straffrei sein.

Eske Wollrad vom Evangelischen Zentrum Frauen und Männer geht noch weiter und plädiert für die Abschaffung des § 218 StGB. Es handele sich bei den momentanen Gesetzen „um eine Kriminalisierung von Schwangeren […] und um nichts Anderes als Gebärzwang“.

Diese Ansichten teilen jedoch nicht alle Anhänger_innen der EKD: Die Erfurter Regionalbischöfin Friederike Spengler findet, dass die Kirche dafür eintreten soll, „dass jedes Leben von Anfang an ein von Gott gewolltes Leben ist“. Sie verstehe die Problematik der Kriminalisierung, meint aber, dass ohne eine Strafandrohung keine Pflichtberatung durchsetzbar sei.\ Andere Kritiker*innen aus den eigenen Reihen werfen dem Rat der EKD vor, die Position nicht theologisch untermauert zu haben. Darauf reagiert Wollrad folgendermaßen: „Meines Erachtens nützt es nichts, sich Bibelstellen an den Kopf zu werfen, sondern nachzudenken, was die evangelische Theologie wesenshaft prägt, und das ist für mich die Bedeutung der individuellen Gewissensfreiheit.“

Eine Arbeitsgruppe der EKD soll nun die unterschiedlichen Positionen in einem theologisch fundierten Beschluss zusammenführen.

Quellen:

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Marea Verde - Feministische Bewegungen und ihr Kampf für reproduktive und sexuelle Rechte in Süd - und Nordamerika

Heute möchten wir euch die wichtige Arbeit der „Marea Verde“ (zu Deutsch „Die grüne Welle) vorstellen. „Marea Verde“ ist der Name eines Kollektivs aus vielen kleineren Bewegungen in ganz Nord- und Südamerika, die sich für reproduktive Rechte und einen legalen sowie sicheren Zugang zu Abtreibungen einsetzt. Als verbindendes Symbol nutzen die Bewegungen die Farbe Grün, woher sich auch der Name „Marea Verde“ ableitet.

Erstmals wurden 2003 in Argentinien grüne Bandanas genutzt, um für reproduktive Rechte zu demonstrieren. Mit den grünen Bandanas orientierte man sich an den weißen Tüchern, die die argentinische Menschenrechtsorganisation „Madres de Plaza de Mayo“ (zu Deutsch „Mütter des Platzes der Mairevolution“) nutzen. Auch die „Ni una menos“-Bewegung (zu Deutsch „Nicht eine einzige mehr“), die 2015 in Argentinien gegen Femizide protestierte, nutzen das grüne Bandana als Symbol. Ab 2020 wurden die grünen Tücher in vielen verschiedenen lateinamerikanischen Ländern während der Proteste für reproduktive Rechte getragen, nach dem Kippen von „Roe v. Wade“ nutzten auch in den USA Pro-Choice-Aktivist*innen das grüne Bandana.

Die Aktivist*innen der „Marea Verde“ haben dazu beigetragen, dass Abtreibungen in Argentinien 2020 bis zur 14. SSW legalisiert, in Kolumbien 2022 entkriminalisiert wurden und in Ecuador das Abtreibungsverbot bei Vergewaltigung aufgehoben wurde. Nach dem einstimmigen Urteil des Obersten Gerichtshofs von Mexiko im Jahr 2021, das die Abtreibung im Lande entkriminalisierte, sagte der Oberste Richter Arturo Zaldívar Lelo de Larrea, dass die Aktivist*innen der „Marea Verde“ das nationale Bewusstsein in Bezug auf reproduktive Rechte und Abtreibungen verändert haben.

Auch das Jahr 2024 könnte mithilfe der „Marea Verde“ wichtige Verbesserungen im Bereich der reproduktiven Rechte mit sich bringen: In u.a. El Salvador, Ecuador, Guatemala, Nicaragua und Brasilien stehen verschiedene Klagen an, die von der Bewegung unterstützt werden.

Quellen:

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Hindernisse bei der weltweiten Umseztung des Rechts auf einen Schwangerschaftsabbruch

Jede*r sollte ein Recht auf einen sicheren Schwangerschaftsabbruch haben. In der Theorie klingt das relativ einfach, in der Realität ist die Umsetzung dieses Rechts jedoch vielerorts mehr als schwierig. Heute schauen wir, welche Hindernisse es gibt, wenn man eine Schwangerschaft abbrechen will.

In Deutschland bspw. ist eine Abtreibung nach § 218 StGB illegal, wird aber in bestimmten Fällen nicht strafrechtlich verfolgt. Hier tritt bereits die erste Hürde in Kraft: die Kriminalisierung. In vielen Ländern der Welt werden Abtreibungen durch Gesetze eingeschränkt oder gar verboten. In Polen herrscht bspw. bis heute ein De-Facto-Abtreibungsverbot, u.a. in Honduras oder auf Laos besteht ein komplettes Abtreibungsverbot.

Die Notwendigkeit/Erfüllung bestimmter Umstände wie bspw. Indikationen kann ebenfalls ein Hindernis sein. In Deutschland gibt es neben der medizinischen und der kriminologischen Indikation auch noch die Beratungsregelung. Ungewollt Schwangere müssen sich in vielen Ländern vor dem Eingriff verpflichtend beraten lassen und eine gesetzlich festgelegte Wartezeit einhalten. Nicht immer ist dafür genügend Zeit, was dazu führen kann, dass ein Abbruch nicht mehr möglich ist. Einige Länder wie bspw. Russland oder Albanien sind sich dieser Problematik bewusst, so dass die Wartefrist dort im Notfall von sieben auf zwei Tage verkürzt werden kann.

Eine weitere Hürde kann die Zustimmung dritter Personen (bspw. Partner*innen oder Eltern) vor dem Abbruch sein. In Japan muss bspw. der Ehepartner vorher zustimmen.

Weniger offensichtliche, aber dennoch bedeutsame Hürden sind auch die Einschränkung von medizinisch korrekten Informationen sowie eine nicht vorhandene oder nur bedingte Wahlfreiheit der Behandler*in. In manchen Regionen Deutschlands fehlt es an Praxen oder Kliniken, die Abbrüche anbieten. Eine freie Wahl ist hier oft nicht möglich.

Quellen:

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Angebote von medikamentösen/operativen Abtreibungen auf der Liste der Bundesärztekammer

In Deutschland kann ein Schwangerschaftsabbruch sowohl operativ als auch medikamentös durchgeführt werden.

Heute wollen wir uns einmal anschauen, wie viele der Ärzt*innen auf der Liste der Bundesärztekammer welche Methode anbieten. Die Liste der Bundesärztekammer wurde 2019 durch den Deutschen Bundestag als Hilfsangebot für ungewollt Schwangere im Auftrag gegeben. Die Aufnahme in die Liste sowie alle darauf angegeben Auskünfte sind für Ärzt*innen freiwillig.

Für Ärzt*innen und Praxen gibt es die Möglichkeit, auf der Liste bei beiden Methoden ein „Ja“ oder ein „Nein“ anzugeben. Auch gibt es die Möglichkeit, gar keine Auskünfte zu der Methode zu geben oder lediglich explizit eine Methode mit „Ja“ oder „Nein“ zu beantworten, ohne näher auf die andere Methode einzugehen. Bei diesen beiden letzten Angabemöglichkeiten lassen sich keine Schlüsse daraus ziehen, ob eine Methode angeboten wird oder nicht, da es Gründe geben kann, warum Praxen/Ärzt*innen sich dazu entschließen, diese konkreten Informationen nicht öffentlich preiszugeben.

Stand 05.03.2024 sind 379 Praxen und Ärztinnen in der Liste aufgeführt:\

  • 154 Praxen/Ärzt_innen gaben an, dass sie beide Methoden anbieten. Das bedeutet, dass ungewollt Schwangere lediglich bei 40,6 % aller Stellen eine theoretische Wahl zwischen den beiden Methoden haben.  \
  • 92 Praxen/Ärztinnen gaben an, den Eingriff lediglich medikamentös durchführen zu können (24,3 % aller Einträge).\
  • 42 Praxen/Ärzt_innen gaben an, den Eingriff lediglich operativ durchzuführen (11,1 % aller Einträge).\
  • 35 Praxen/Ärzt_innen gaben gar keine näheren Angaben zu den möglichen Methoden an (9,2 % aller Einträge).\
  • 56 Praxen/Ärzt_innen gaben nur teilweise an, dass sie entweder die medikamentöse oder die operative Methode durchführen, ohne die andere Methode explizit zu verneinen (14,8 % aller Einträge).

Quellen:

Liste der Bundesärztekammer. Online einsehbar: https://www.bundesaerztekammer.de/themen/aerzte/schwangerschaftsabbruch (Stand 05.03.2024)

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Wenn Abtreibungen verboten werden, steigen Angst und Depressionssymptome von gebärfähigen Personen. Das zeigt eine Studie aus den USA.

Verbote von Abtreibungen können möglicherweise Angst und Depressionen erhöhen. Das zumindest legt eine US-amerikanische Studie nahe.\ Im Jahr 2022 hatte der Oberste Gerichtshof in den USA das Recht auf den Schwangerschaftsabbruch gekippt. Als Folge haben 13 Staaten Abtreibungen sofort verboten.\ Die Forschenden der kürzlich erschienenen Studie haben untersucht, wie sich Depressions- sowie Angstsymptome bei Menschen in diesen Staaten vor und nach der Entscheidung verändert haben im Vergleich zu US-Bundesstaaten, in denen Abtreibungen nicht verboten waren. Dafür werteten die Forschenden Gesundheitsfragebögen zu Depressions- und Angstsymptomen (PHQ-4) von knapp 720.000 Menschen aus. Tatsächlich stiegen der Analyse zufolge in beiden Gruppen Depressions- sowie Angstsymptome an. Allerdings war der Anstieg in den Staaten mit Abtreibungsverbot höher als in den Staaten ohne Abtreibungsverbot. Dieser Unterschied war zwar gering, aber statistisch signifikant. Bei Frauen [1] zwischen 18 und 45 Jahren war der Anstieg der Depressions- sowie Angstsymptome am größten. Also genau bei der Gruppe, die auch am ehesten Schwangerschaftsabbrüche durchführen lässt.

Die Studie zeigt, dass Abtreibungsverbote eine Gefahr für die psychische Gesundheit gebärfähiger Personen darstellen können. Jede Person sollte selbst entscheiden, ob sie eine Schwangerschaft fortführen oder beenden möchte.

Anmerkungen: [1] Wir möchten darauf hinweisen, dass nicht alle Frauen gebärfähig sind, und nicht jede gebärfähige Person eine Frau ist. Die zitierte Studie geht von einem binären Geschlechterbild aus.

Quellen:

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Das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch in Wien (MUVS)

Im MUVS wird die Kulturgeschichte der Kontrolle über die Fruchtbarkeit des Menschen mittels Verhütung und Schwangerschaftsabbruch dokumentiert. Dabei steht die übergeordnete Vision des selbstbestimmten Handelns im Bereich der Sexualität, Fruchtbarkeit und Fortpflanzung im Vordergrund.

Ausgestellt wird in zwei Räumen, von denen einer die Geschichte rund um Verhütung und Verhütungsmethoden übersichtlich darstellt und erklärt, während es im zweiten um die Entwicklung des Schwangerschaftsabbruchs, Regelungen in Europa und die Erläuterung verschiedener Methoden geht.

Gegründet wurde das Museum 2003 von Dr. Christian Fiala, Arzt für Allgemeinmedizin und Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Seine Beweggründe fasst er wie folgt zusammen: „Als Arzt kann ich nur eine begrenzte Anzahl von Menschen über ihre Fruchtbarkeit aufklären und wie sie damit bestmöglich umgehen. Als Wissenschaftler und Vortragender sind es schon mehr Menschen. Aber erst mit einem Museum gelingt es, das Wissen über verlässliche Verhütung und über einen medizinisch sicheren Schwangerschaftsabbruch in die ganze Welt hinauszutragen.“

Seit 2007 wird das MUVS regelmäßig von Schüler*innen besucht, die so umfassend über Verhütung und Schwangerschaftsabbrüche aufgeklärt werden. Auch werden hier viele interessante Führungen und Veranstaltungen angeboten.

Das Museum ist weltweit das Einzige seiner Art und ein Besuch lohnt sich. Solltet ihr zufällig in der Nähe Wiens sein, dann plant unbedingt Zeit für einen Besuch im MUVS ein.

Quellen:

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Stigma, Stigmatisierung, Entstigmatisierung

Der Sinn unserer Kampagne ist es, durch einfach vermittelte Informationen zur Entstigmatisierung sowohl von Schwangerschaftsabbrüchen als auch von Personen, die abgetrieben haben oder über eine Abtreibung nachdenken, beizutragen. Doch was genau ist ein Stigma? Und wie funktioniert Entstigmatisierung? Darauf wollen wir heute kurz in diesem Post eingehen.

Der Soziologe Erving Goffmann sagt: Ein Stigma ist etwas, das eine Person von einer anderen Person deutlich unterscheidet. Dieser Unterschied wird von uns negativ wahrgenommen. Stigmatisierung passiert dann, wenn wir Personen auf diese negativen Merkmale reduzieren und sie deswegen herabsetzen oder gar diskriminieren. Der § 218 StGB stigmatisiert Abtreibungen, indem er diesen medizinischen Eingriff in unmittelbare Nähe zu Mord und Todschlag rückt. Dadurch werden Abtreibungen automatisch als kriminelle Handlung dargestellt. Bei der Entstigmatisierung geht es darum, auf dieses Stigma und die Stigmatisierung aufmerksam zu machen. Ziele der Entstigmatisierung sind die Überwindung des Stigmas und die Vermittlung einer positiveren, einfühlsameren Haltung gegenüber stigmatisierten Personen – also in unserem Fall ungewollt Schwangeren, die abtreiben (möchten).

Als Aktivist*innen versuchen wir Abtreibungen zu entstigmatisieren, in dem wir öffentlich über diesen Eingriff und ungewollt Schwangere sprechen. Unsere Kampagne liefert neutrale Informationen über den Schwangerschaftsabbruch, der ein alltäglicher medizinischer Eingriff ist. Unser Ziel ist es, dazu beizutragen, das Tabu, das diese Thematik umgibt, zu verringern.

Warum die Entstigmatisierung und die Enttabuisierung u.a. wichtig ist, hat die Gynäkologin und Pro-Choice-Aktivistin Jana Maeffert sehr gut zusammengefasst: „Es gibt so viele Situationen im Leben, auf die wir wenigstens einigermaßen vorbereitet werden und die viel unwahrscheinlichere Szenarien sind. […] Viele ungeplant Schwangere sind komplett überrascht und natürlich dann auch überfordert, weil das Tabu so groß ist, dass vorher überhaupt nicht darüber gesprochen wurde, was denn nach einem positivem Test passieren würde. Eine ungeplante Schwangerschaft sollte nicht als Katastrophe empfunden werden müssen, sondern als eine Situation, mit der dann eben umgegangen wird. Blöd, ungewollt, vielleicht auch sehr traurig, aber handlebar.“

Quellen:

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Womit beschäftigt sich die ELSA-Studie?

Wahrscheinlich habt ihr mitbekommen, dass im April 2024 zentrale Ergebnisse der ELSA-Studie vorgestellt wurden. In den kommenden Wochen und Monaten werden wir uns mit diesen Ergebnissen auseinandersetzen, sie für euch aufbereiten und einordnen.

Heute möchten wir euch kurz vorstellen, was die ELSA-Studie überhaupt ist. Der Forschungsverbund ELSA besteht aus dem Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut zu Geschlechterfrage | FIVE Freiburg (SoFFI F.), der Hochschule Merseburg, der Freien Universität Berlin, der Hochschule Nordhausen sowie der Universität Ulm. Die Projektleitung liegt bei der Hochschule Fulda.

Die Idee für die Untersuchung entstand aus dem stark kritisierten Vorschlag einer Studie über die psychischen Folgen der Abtreibung, die der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn hatte beauftragen wollen. Daraufhin veränderte das Bundesgesundheitsministerium die Ausschreibung, sodass sich die ELSA-Studie nun mit den Erfahrungen und Lebenslagen ungewollt Schwangerer sowie dem Angebot der Beratung und Versorgung beschäftigt.

Im Rahmen der ELSA-Studie sollen wissenschaftlich basierte Erkenntnisse zu den Einflussfaktoren auf das Erleben und Verarbeiten einer ungewollten Schwangerschaft herausgearbeitet werden. Diese Ergebnisse sollen sowohl auf Bundes- als auch Landesebene sowie in Institutionen und Einrichtungen dafür genutzt werden, um die psychosoziale und medizinische Versorgung in Deutschland zu verbessern. Das kann dadurch geschehen, dass Ressourcen und Strukturen der medizinischen Versorgung ausgebaut, Fachkräfte qualifiziert und Kooperationen zwischen verschiedenen Beratungsangeboten und Versorgungsleistungen verbessert werden.\ Auch sollen Informationszugänge für ungewollt Schwangere verbessert werden und die Stigmatisierung von Schwangerschaftsabbrüchen abgebaut werden.

Für die ELSA-Studien wurden gewollt und ungewollt Schwangere, die sowohl die Schwangerschaft ausgetragen, als auch abgebrochen haben, befragt. Auch wurden (falls vorhanden) die Partner*innen einbezogen, um Unterstützungsangebote für sie und für Paare allgemein entwickeln zu können.\ Fachkräfte wie Ärzt*innen oder Berater*innen sollten im Rahmen der Studie ihre Sicht auf das Unterstützungsangebot im psychosozialen und medizinischen Bereich schildern.

Quellen:

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Was ist der "Marsch für das Leben"?

Am 13.04.2024 fand in München ein „Marsch für das Leben“ statt.

Diese Märsche (bis 2006 der "1000-Kreuze-Marsch") finden jährlich in verschiedenen Städten statt und werden als "friedliche Gebetsmärsche" bezeichnet.\ Dabei werden diese Vernetzungstreffen und Aktionen von der Anti-Choice-Bewegung und Abtreibungsgegner*innen organisiert, um aktiv gegen Abtreibungen und gegen eine Entscheidungsfreiheit für oder gegen eine Schwangerschaft zu demonstrieren.\ Mit weißen Holzkreuzen ziehen die Teilnehmenden singend und betend durch die Städte. Jedes dieser Kreuze soll einen der 1000 Föten repräsentieren, die nach Auffassung der Veranstalter*innen täglich abgetrieben würden. Eine Falschinformation, wie Zahlen des Statistischen Bundesamtes jährlich belegen! Das ist den Veranstalter*innen jedoch egal. Hier geht es um Symbolik: Die öffentlichen „Gebetszüge“ erinnern an einen "Trauerzug" wie bei Beerdigungen. Es entstehen medienwirksame Bilder.

Aber nicht nur die Symbolik des Marsches ist bewusst irreführend. Auch in den Redebeiträgen werden gezielt Falschinformationen verbreitet: So bediente sich z.B. der EuroProLife-Chef Wolfgang Hering in Münster 2021 populistischen Rhetoriken und pseudo-geschichtswissenschaftlichen Nazi-Vergleichen, um Tatsachen zu verzerren, Zusammenhänge zu verkürzen und ungewollt schwangere Personen zu stigmatisieren. Unter den Teilnehmenden sind einflussreiche christliche Fundamentalist*innen sowie Vertreter*innen rechter Gruppen z.B. der AfD oder der Identitären Bewegung.

Die Inhalte, Symbolik und die Teilnehmenden des „Marsch für das Leben“ richten sich gegen das Leben ungewollt schwangerer Personen. Mediziner*innen, die Abtreibungen durchführen, sollen eingeschüchtert werden.

Abtreibungen sind Realität und Teil der staatlichen Gesundheitsvorsorge. Dabei ist es unwichtig, wie viele Abtreibungen stattfinden. Der Staat hat die Aufgabe, den Zugang zu sicheren medizinischen Eingriffen zu gewährleisten.

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Warum sexuelle und reproduktive Gesundheit nicht voneinander trennbar sind

“Sexuelle und reproduktive Gesundheit” wird häufig als ein feststehender Begriff genutzt. In diesem Kontext wurde Pascale Allotey, die WHO-Direktorin für sexuelle und reproduktive Gesundheit und Forschung, gefragt, ob das Wort "sexuelle" nicht auch gestrichen werden könne. Ihre Antwort verdeutlicht sehr überzeugend, warum sich das Engagement für reproduktive Gesundheit nicht ohne Aktivismus im Bereich der sexuellen Gesundheit realisieren lässt.

Ihr Standpunkt ist ganz klar, dass es keine reproduktive Gesundheit ohne sexuelle Gesundheit gibt.\ Über reproduktive Gesundheit haben wir hier schon ganz viel gesprochen, aber was bedeutet eigentlich „sexuelle Gesundheit“? Sie meint die „Förderung der körperlichen Autonomie und Handlungsfähigkeit sowie die Anerkennung der Bedeutung sicherer, gesunder Beziehungen während des gesamten Lebens“, so Allotey. Um das erreichen zu können, benötigt es einen barrierefreien Zugang zu Informationen rund um Sexualität und sexuelle Gesundheit. Die sexuelle Gesundheit gewährleistet u.a., dass Personen vor sexuell übertragbaren Krankheiten geschützt sind sowie dass keine ungewollten Schwangerschaften entstehen. Wichtig dafür sind hochwertige Vorsorgeuntersuchungen, Diagnosen und Behandlungen für gynäkologische und andrologische Erkrankungen [1], die zu Unfruchtbarkeit, sexuellen (Funktions-)Störungen sowie Krebserkrankungen der reproduktiven Organe führen können. Es wird deutlich: Die sexuelle Gesundheit schützt allgemein die Gesundheit und das Wohlbefinden. Allotey sagt: „[Sie] sorgt dafür, dass wir produktiv und nicht nur reproduktiv bleiben.“

Auch geht Allotey auf die Gleichstellung der Geschlechter ein: Wenn man diese verstehen und erreichen will, muss man verstehen, dass sexuelle UND reproduktive Gesundheit dafür wichtig sind. Forschungen zeigen, dass eine umfassende Sexualaufklärung und Verhütung sowie die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs und eine gute Versorgung von schwangeren Personen zu einer stärkeren, gesünderen und glücklicheren Gemeinschaft beiträgt.

Allotey schließt ihre Antwort mit einem zusammenfassenden Satz, der die Thematik auf den Punkt bringt: „Sexuelle und reproduktive Gesundheit ist von grundlegender Bedeutung für die Gleichstellung der Geschlechter und die Menschenrechte."

[1] Andrologie ist ein Teilgebiet der Medizin, das sich mit der Fortpflanzungsfunktion des biologischen männlichen Geschlechts und den damit zusammenhängenden Störungen befasst.

[2] Wir möchten darauf hinweisen, dass nicht alle Frauen gebärfähig sind, und nicht jede gebärfähige Person eine Frau ist. Des Weiteren sehen sich nicht alle gebärenden Personen als Mutter oder Elternteil an.

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Abtreibungen in Australien

In Australien wurden im Jahr 2020 offiziell 41.688, im darauffolgenden Jahr 42.411 und 2022 39.030 Abtreibungen durchgeführt.

Je nach Bundesstaat, Territorium und Außengebiet gelten unterschiedliche Abtreibungsgesetze. Grundsätzlich ist jedoch ein Schwangerschaftsabbruch in allen Teilen Australiens bis zu einer bestimmten Schwangerschaftswoche (SSW) und unter einigen Voraussetzungen legal.

  • Australian Capital Territory: Bis zur 16. SSW möglich. Nach der 16. SSW muss der Eingriff in Sydney (New South Wales) durchgeführt werden.
  • New South Wales / Queensland: Bis zur 22. SSW möglich. Danach müssen zwei Ärzt*innen dem Eingriff zustimmen.
  • Northern Territory / Victoria: Bis zur 24. SSW möglich. Danach müssen zwei Ärzt*innen dem Eingriff zustimmen.
  • South Australia: Bis zur 23. SSW möglich. Danach darf nur bei

    • physischer und psychischer Lebensgefahr der schwangeren Person
    • einer Mehrlingsschwangerschaft, um einen Fötus zu retten
    • einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des Fötus\ abgetrieben werden. Dem Eingriff müssen zwei Ärzt*innen zustimmen
  • Tasmanien: Bis zur 16. SSW möglich. Zwischen der 16. und 20. SSW müssen zwei Ärzt*innen zustimmen. Nach der 20. SSW ist nur eine Abtreibung möglich, wenn unmittelbare Lebensgefahr für die schwangere Person besteht.
  • Western Australia: Eine Abtreibung ist bis zur 23. SSW möglich.

Die Kosten für einen Schwangerschaftsabbruch in Australien sind schwer zu bestimmen, da viele verschiedene Faktoren zusammenkommen. Die Kosten in einigen Krankenhäusern und gynäkologischen Praxen werden durch die Krankenversicherung vollständig oder teils übernommen, in privaten Kliniken kann der Eingriff je nach Methode und SSW mehrere hundert Australische Dollar kosten.

Vor den Krankenhäusern und gynäkologischen Praxen gibt es sogenannte „Safe Access Zones“ zwischen 50 und 150 Metern. Diese verbieten Belästigungen und Proteste von Abtreibungsgegner*innen und dienen dem Schutz des medizinischen Personals und der schwangeren Personen.

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Ob du eine Schwangerschaft fortführst oder beendest ist allein deine Entscheidung

“Warum gibst du das Kind nicht einfach zur Adoption frei?”

Bei einer ungewollten Schwangerschaft wird der schwangeren Person oft eine Adoption als Alternative dargestellt. Dies mag auf den ersten Blick sinnvoll erscheinen, oft wird dabei jedoch vergessen: Schwangerschaft kann kurzfristige sowie langfristige Auswirkungen auf den Körper und die Psyche haben.

Ein Mensch sollte jederzeit die Möglichkeit haben, sich für oder gegen das Austragen einer Schwangerschaft zu entscheiden. Schwangerschaft und Geburt können selbst bei gesunden Personen ohne Risikofaktoren zu Blutungen, schwangerschaftsbedingten Blutdruckerkrankungen, postpartalen Depressionen, Thrombosen uvm. führen. Einiges davon erhöht die Wahrscheinlichkeit, im späteren Leben an chronischen Erkrankungen wie z.B. Herzkreislauferkrankungen und Diabetes zu leiden. Ebenso enden je nach Klinik etwa 30 % der Schwangerschaften mit einem Kaiserschnitt, der ein großer abdomineller Eingriff ist und ebenfalls zahlreiche Risiken mit sich bringt.

Eine große US-amerikanische Studie, die sich mit den Folgen von verwehrten Abtreibungen befasst, stellt fest: Schwangere Personen, die gezwungen werden, eine ungewollte Schwangerschaft auszutragen, haben in der Folge ein höheres Risiko ernste Komplikationen bis hin zum Tod zu erleiden. Während der Studie starben zwei Frauen - keine verstarb an einer Abtreibung.

Die sogenannte Müttersterblichkeit (der Tod einer gebärenden Person pro Lebendgeburt) liegt in Deutschland bei 7 von 100.000. 2022 wurde bei 103.927 Schwangerschaftsabbrüchen kein einziger Todesfall berichtet. Insgesamt 253 Komplikationen wurden im selben Jahr bei Abbrüchen gemeldet, was 0,24 % der Eingriffe entspricht. Nur bei 0,12 % davon traten Nachblutungen oder ein vermehrter Blutverlust auf. Bei Geburten kommt es hingegen in etwa 2 % aller Fälle zu schweren Blutungen.

Eine Abtreibung ist ein medizinischer Eingriff - das dürfen wir nicht vergessen. Aber auch Schwangerschaft und Geburt sind mit vielen, teils höheren Risiken verbunden. Es muss jeder schwangeren Person selbst überlassen bleiben, ob sie diese Risiken eingehen will oder die Schwangerschaft vorzeitig beendet.

Quellen:

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Der Mythos des Post-Abortion-Syndrom

Bei der Diskussion um Abtreibungen gibt es oft folgende zwei Argumente von Abtreibungsgegner*innen: Zum einen dichten sie Personen nach einem Abbruch Depressionen an. Sie bezeichnen das als “Post-Abortion-Syndrom”. Zum anderen soll „einfach nur“ richtig verhütet werden.

Das „Post-Abortion-Syndrom“ ist ein Mythos. Weder medizinische noch psychiatrische Vereinigungen erkennen es an oder haben es klassifiziert. Verhütungsmittel, wie die Pille, haben dagegen oft als Nebenwirkung Depressionen.

Die Studie (Johansson T et al, 2023) zeigt, dass Personen, die mit der Pille verhüten, in den ersten zwei Jahren der Einnahme 1,7-mal häufiger an Depressionen leiden, als Personen, die sie nicht nehmen.\ Beginnen junge Personen vor dem 20. Lebensjahr mit der Einnahme der Pille, sind sie auch nach dem Absetzen stärker gefährdet, später im Leben an einer Depression zu erkranken.

Zum Vergleich deutet die „Turnaway-Studie“ darauf hin, dass Personen, die eine Schwangerschaft abbrechen ließen, nicht häufiger unter Depressionen und Angstzuständen litten als Personen, denen ein Schwangerschaftsabbruch verweigert wurde. Während der Beobachtung über fünf Jahre sei es den Personen nach einem Abbruch ähnlich gegangen, teilweise sogar besser.

Bei einer Studie aus den USA, die sich auf Teildaten der „Turnaway-Studie“ bezieht (Rocca et al., 2015), gaben 95 % der Befragten an, dass die Entscheidung für einen Abbruch für sie die Richtige gewesen sei und sowohl negative als auch positive Gefühle mit der Zeit abgenommen hätten. Eine höher wahrgenommene Stigmatisierung des Abbruchs war mit mehr negativen Gefühlen verbunden.

Abschließend lässt sich sagen, dass dauerhafte psychische Folgen nach einem Schwangerschaftsabbruch nicht belegt sind. Hier scheint die Stigmatisierung des Eingriffes sogar eine höhere Rolle für das emotionale Befinden zu spielen. Darüber hinaus möchten wir anmerken, dass die meisten Verhütungsmittel auf Menschen mit Uterus ausgelegt sind, die sich Nebenwirkungen aussetzen lassen müssen.

Quellen:

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Dürfen auch andere Ärzt*innen als Gynäkolog*innen einen Schwangerschaftsabbruch anbieten?

Wenn wir über einen Schwangerschaftsabbruch als medizinischen Eingriff nachdenken, dann kommt uns allen höchstwahrscheinlich sofort in den Sinn, dass es Gynäkolog*innen sind, die diesen Eingriff durchführen. Wusstet ihr aber, dass in Deutschland grundsätzlich alle Ärzt*innen den Eingriff durchführen dürfen?

Das Bundesgesundheitsministerium schreibt dazu, dass alle Ärzt*innen berechtigt sind, die Abtreibung durchzuführen, solange sie

  • den Eingriff aufgrund ihrer Kenntnisse und Erfahrungen durchführen können
  • nach dem ärztlichen Berufsrecht dazu befugt sind
  • über die erforderlichen Einrichtungen verfügen.

Vor allem beim ersten Punkt zeigt sich, wie wichtig also die verpflichtende Aufnahme von Schwangerschaftsabbrüchen in die medizinische Grundausbildung ist. Um der schwierigen Versorgungslage in Deutschland entgegenzukommen, ist es notwendig, dass mehr Ärzt*innen unabhängig von ihrer Fachrichtung die Möglichkeit haben, den Eingriff während des Studiums oder in Weiterbildungen kennenzulernen und durchzuführen.

Ausnahmen hierbei sind allerdings Bayern und Niedersachsen: Das Bayerische Schwangerschaftshilfeergänzungsgesetz besagt im Artikel 3 Absatz 1 Satz 3 Nummer 2, dass es nur den Einrichtungen erlaubt ist, Abbrüche durchzuführen, in denen Ärztinnen mit einer fachärztlichen Anerkennung auf dem Gebiet „Frauenheilkunde und Geburtshilfe“ arbeiten.\ _Nach dem § 13c Absatz 1 Satz 1 der Berufsordnung der Ärztekammer Niedersachsen dürfen nur Fachärztinnen für Frauenheilkunde und Geburtshilfe Abbrüche durchführen.

Quellen:

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Die Gefährdung sexueller und reproduktiver Rechte durch nationalistische und rechte Regierungen

Am 21. März 2024 war der Tag gegen Rassismus. Viele von euch haben sicherlich von dem geheimen Treffen bei Potsdam gehört, auf dem u.a. AfD-Politiker*innen und Neonazis teilnahmen, um die massenhafte Deportation von Mitmenschen aus rassistischen Gründen zu planen. Mit diesem Post positionieren auch wir uns ganz klar gegen rechte Politik und rechtsextremes Gedankengut!

Aber warum schreiben wir das jetzt hier, obwohl wir eine Kampagne sind, die für euch Informationen über Abtreibungen und reproduktive Rechte sowie Gesundheit zusammenfasst? Ganz einfach: All dies ist auch durch eine nationalistische, konservative und rechte Regierung gefährdet.

Aktuelle europäische Beispiele sind Polen und Ungarn:\ Unter der jahrelangen Regierung der rechtskonservativen PiS wurden die Abtreibungsgesetze in Polen immer einschränkender bis hin zu einem momentanen De-Facto-Verbot. Immer wieder starben (ungewollt) Schwangere, weil ihnen aus Angst vor Gesetzen medizinische Hilfe und letztlich ein lebensrettender Schwangerschaftsabbruch verwehrt wurden. Nach den Wahlen im Oktober 2023 diskutiert die neue Regierung nun die Neugestaltung der Abtreibungsgesetze – wegen verschiedener politischer Ansichten ohne richtige Aussicht auf eine zufriedenstellende Einigung.

In Ungarn darf prinzipiell bis zur 12. SSW abgetrieben werden. Das Problem dabei: die verpflichtende Beratung vor der Abtreibung. Laut Erfahrungsberichten werden ungewollt Schwangere dabei seit dem Rechtsruck in der Regierung unter Druck gesetzt oder gar zur Fortführung der Schwangerschaft überredet. Seit September 2022 müssen ungewollt Schwangere sich den „Herzschlag“ [1] des Embryos oder Fötus anhören, bevor sie die abtreiben dürfen.

Auch die AfD spricht sich gegen Abtreibung aus und warnt davor, diese „zu bagatellisieren, staatlicherseits zu fördern oder sie gar zu einem Menschenrecht zu erklären.“ Ein ehemaliger AfD-Mitarbeiter forderte auf Twitter, dass neben der verpflichtenden Wehrdienst-Musterung von Männern, Frauen auf die Eignung ihrer Eizellen hin untersucht und zur Abgabe dieser „verpflichtet werden [sollen], um die Demographie zu stabilisieren“. Der Körper der Frau gehöre nämlich dem Staat. Eine idealistische Vorstellung, die ähnlich bereits im Nationalsozialismus in Lebensbornen praktiziert wurde.

Es wird deutlich: Rechts ist nie eine Lösung!

[1] Ca. ab dem 28. Tag nach der Einnistung (ungefähr in der 6. SSW) bilden sich pulsierende Muskelzellen, aus denen sich mit der Zeit ein Herz bilden kann. Dies wird fälschlicherweise häufig bereits als Herzschlag gewertet und als Argument gegen Abbrüche genutzt. Ein fötaler Herzschlag kann jedoch erst zwischen der 17. und 20. SSW erkannt werden, wenn die Herzkammern ausreichend entwickelt sind.

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380 bis 580 ungewollt Schwangere werden wöchentlich operiert, obwohl sie lieber einen medikamentösen Abbruch gewählt hätten

2022 gab es in Deutschland 103.927 Schwangerschaftsabbrüche. Davon wurden bundesweit 40.176 mit der medikamentösen Methode durchgeführt, was 38,66 % aller Eingriffe ausmacht. In manchen Bundesländern liegt der Anteil deutlich unter dem Landesdurchschnitt: Im Saarland wurden bspw. nur 17,65 % aller Abtreibungen medikamentös durchgeführt. Das ist deutlich weniger als in Ländern, in denen beide Methoden gut verfügbar sind und die schwangeren Personen selbst wählen können. Dort liegt der Anteil an der medikamentöse Methode bei 60 bis 70 %.

Die niedrige Prozentzahl in Deutschland ist damit erklärbar, dass es in vielen Regionen keine Ärzt*innen gibt, die die medikamentöse Beendigung der Schwangerschaft anbieten. Häufig wird an veralteten Methoden festgehalten. Zudem ist die Beschaffung der Abtreibungsmedikamente an hohe Auflagen gebunden und viele Ärzt*innen scheuen sich davor, diese Mühen auf sich zu nehmen.

Inzwischen gibt es die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs zu Hause. Das telemedizinisch begleitete Projekt von Doctors for Choice Germany in Zusammenarbeit mit dem Familienplanzentrum BALANCE in Berlin ermöglicht ungewollt Schwangeren im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben, einen medikamentösen Abbruch selbstbestimmt dann und dort durchzuführen, wo und wann sie möchten. Allerdings hat dieses Projekt natürlich auch Kapazitätsgrenzen. Wenn man von 60 - 70 % medikamentösen Abbrüchen in Ländern mit einer freien Methodenwahl ausgeht, werden in Deutschland weiterhin jährlich rund 20.000 bis 30.000 ungewollt Schwangere operiert werden, obwohl sie wahrscheinlich lieber die medikamentöse Methode gewählt hätten. Das bedeutet auf die Woche gerechnet, dass wöchentlich 385 bis 577 ungewollt Schwangere einen operativen Abbruch durchführen lassen mussten.

Wir finden, dass jede*r ungewollt Schwangere entscheiden können sollte, wie, wo und mit welcher Unterstützung sie*er die Schwangerschaft abbricht.

Quellen:

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Nicht alle Abtreibungserfahrungen sehen so aus...

Schwangerschaftsabbrüche werden immer wieder in Medien thematisiert. Doch welches Bild des alltäglichen, medizinischen Eingriffs hat sich dort etabliert? Die Kulturwissenschaftlerin Franzis Kabisch forscht dazu an der Wiener Akademie der Bildenden Künste. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAZ) spricht sie darüber, dass Abtreibungen in den meisten Medien konfliktbehaftet sind. Oft gibt es das düstere Bild einer isolierten, leidenden Frau [1] die aus dem Fenster in die Ferne starrt oder allein im Bett liegt.

Wir haben in unserer Instagram-Story danach gefragt, was euch bei „Abtreibung in Medien“ einfällt. Diese Umfrage ist nicht wissenschaftlich, bestätigt aber das vorherrschende negative Bild: „Bestürzung, traurige Gesichter, düstere Umgebung“ oder „dramatisches Herausblicken aus dem Bus bei Regen“ waren die häufigsten Antworten.

Problematisch ist laut Kabisch, dass eine ungewollte Schwangerschaft und der Abbruch dieser zu einem „vermeintlich privaten [Problem]“ und damit stigmatisiert wird. Eure Antworten wie „einsames Wartezimmer“ oder „traurig-zögerliche Frau (allein)“ bestätigen diesen Eindruck. Dabei gehört eine Abtreibung in den gesellschaftlichen Diskurs.

Kabisch kritisiert wie in Medien über Personen, die ihre Schwangerschaft beenden oder darüber nachdenken, gesprochen wird. Meist wären es naive, infantile Frauen, die Unterstützung bräuchten und am Ende alles bereuten. In unserer Umfrage spracht ihr dieses stereotypisch Bild häufig an und nanntet die „sehr junge[n] Protagonisten, denen alle versichern, sie helfen ihnen“. Studien zeigen aber, dass ungewollt Schwangere sehr wohl in der Lage sind, selbstbestimmte und für sie richtige Entscheidungen zu treffen.

Auf der anderen Seite lobt Kabisch einzelne Medien, die im Kontext von Abtreibungen die betroffenen Personen erleichtert zeigen. Es ist wichtig, dass wir dieses positive Bild häufiger reproduzieren! In einer Studie der Psychologin Miriam Gertz, angestellt an der Universität Wien, kam heraus: Personen, die nach einer Abtreibung zunächst erleichtert sind, fühlen sich durch die Stigmatisierung und das negative Bild zu negativen Gefühlen gezwungen.

Dass es zu wenige neutrale oder gar positive Darstellungen in den Medien gibt, wurde auch in unserer Umfrage deutlich: Nur ein*e User*in nannte mit der Serie „Sex Education“ ein positives Beispiel.

[1] Wir nutzen hier bewusst das Wort Frau, da es sich hier um das vorherrschende Bild einer Frau in der Mehrheitsgesellschaft geht: nämlich in den meisten Fällen genau das Bild einer weiblich gelesenen Person. Diesem stereotypischen Bild widersprechen wir jedoch explizit, nicht alle Frauen sind gebärfähig und nicht jede gebärfähige Person ist eine Frau. Auch Franzis Kabisch ist dieser Aspekt bewusst, der Begriff der Frau wurde jedoch aus oben genannten Gründen verwendet.

Quellen:

  • Frankfurter Allgemein Sonntagszeitung, 7. Januar 2024, Nr. 1: Frauen, die aus Fenstern starren. [dankenswerterweise von Franzis Kabisch zur Verfügung gestellt]
  • eigene Umfrage auf Instagram vom 16./17. Januar 2024
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Meldestellen vs. Abtreibungen

Die Anzahl der Praxen und Kliniken, die einen Schwangerschaftsabbruch durchführen, sinkt seit Jahren stark. Zählte das Statistische Bundesamt 2003 noch 2.050 "Meldestellen" [1], waren es 2023 (Stand 3. Quartal 2023) nur noch 1.103. Zwar sank die Gesamtzahl an Schwangerschaftsabbrüchen zwischen 2003 (128.030) und 2022 (103.927) um gut 25.000, doch das erklärt keinen Rückgang an Meldestellen um 46,2 %.

Gründe für diesen starken Rückgang können aber z.B. sein:

  • Mangelnde Aus-/ Weiterbildung und das damit einhergehende Unwissen: In Deutschland kann man Gynäkolog*in werden, ohne jemals einen Abbruch gesehen oder durchgeführt zu haben. Im Medizinstudium kommt dieser häufig nicht vor, und wenn doch, oft nur die rechtlichen/ethischen Aspekte, nicht die medizinischen.
  • Tabuisierung und Stigmatisierung, die auch Ärzt*innen betrifft: Gesellschaftlich sowie auch in medizinischen (Fach-)Kreisen.
  • Eine Gesetzeslage, die kriminalisiert: Ärzt*innen kann nicht verübelt werden, dass sie etwas nicht machen möchten, das im Strafgesetzbuch neben Mord und Totschlag steht. Dieser Zustand schüchtert ein und verunsichert - gerade dann, wenn sich wenig mit dem Thema beschäftigt wird/wurde. Viele Mediziner*innen haben Angst, dadurch "mit einem Fuß im Gefängnis zu stehen". Die Streichung von § 219a StGB war wichtig, aber noch lange nicht ausreichend.
  • Einschüchterungen durch Abtreibungsgegner*innen: Sog. "Mahnwachen" vor Praxen, die Patient*innen und Personal belästigen, Drohbriefe, Diffamierungen on- und offline, Beschimpfungen als "Mörder*innen" oder Anzeigen. Diese Drohkulisse erschwert die Arbeit von Ärzt*innen maßgeblich.

Der Wegfall an Praxen und Kliniken führt zu einem Versorgungsmangel, der zur Folge hat, dass viele ungewollt Schwangere in manchen Regionen sehr weite Fahrtwege auf sich nehmen müssen. Es ist also wichtig, dass sich etwas ändert!\ Wir benötigen eine systematische Erhebung von Versorgungslücken und konkrete politische Maßnahmen, um gegen diese Probleme anzukämpfen.

[1] Es gibt keine systematische Erhebung von Praxen und Kliniken, die Abbrüche anbieten. Eine Annäherung kann nur indirekt über sogenannte "Meldestellen" erfolgen, welche das Statistische Bundesamt systematisch erfasst: "Es ist zu beachten, dass die Zahl der Meldestellen von Quartal zu Quartal schwankt und auch keine Rückschlüsse auf Arztpraxen beziehungsweise Kliniken mit Abbrüchen zulässt. Zum einen sind auch Meldestellen mit Fehlmeldungen (keine Abbrüche im Quartal) enthalten, zum anderen melden zentrale ambulante OP-Praxen hier zum Beispiel für mehrere Arztpraxen mit."

Quellen:

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Schwangerschaftsabbrüche 2022 nach Indikation

In Deutschland gibt es nach § 218 StGB drei Umstände, unter denen ein Schwangerschaftsabbruch durchgeführt werden kann und darf: Nach der Beratungsregelung, nach der kriminologischen Indikation und nach der medizinischen Indikation.

Die Beratungsregelung bedeutet, dass eine Abtreibung bis zur 14. SSW p.m. auf Wunsch der ungewollt Schwangeren durchgeführt werden kann, wenn sie in einer staatlich anerkannten Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle nach einer Beratung einen Beratungsschein ausgestellt bekommen hat und zwischen der Beratung und dem Eingriff mindestens drei Tage liegen. 2022 wurden in Deutschland 99.968 Abbrüche nach dieser Regelung durchgeführt.

Nach der kriminologischen Indikation kann eine Abtreibung ebenfalls nur bis zur 14. SSW p.m. erfolgen. Die kriminologische Indikation bedeutet, dass die Schwangerschaft in einem rechtswidrigen Kontext entstand: Bei einer Vergewaltigung oder wenn die schwangere Person jünger als 14 Jahre ist. 2022 wurden in Deutschland 35 Abbrüche nach dieser Indikation durchgeführt.

Nach der medizinischen Indikation kann eine Schwangerschaft auch nach der 14. SSW p.m. abgebrochen werden, wenn die körperliche oder seelische Gesundheit der schwangeren Person schwerwiegend gefährdet ist oder sich die schwangere Person durch die Schwangerschaft in Lebensgefahr befindet. Zudem greift die medizinische Indikation auch, wenn bei Untersuchungen des Embryos/Fötus erhebliche gesundheitliche Schädigungen festgestellt werden. 2022 wurden in Deutschland 3.924 Abbrüche nach dieser Indikation durchgeführt.

Im Jahr 2022 gab es in Deutschland 103.927 Abbrüche. In Prozentzahlen bedeuten die oben genannten Zahlen somit Folgendes:

- 96,19 % aller Abbrüche erfolgten nach der Beratungsregelung

- 0,03 % aller Abbrüche erfolgten nach der kriminologischen Indikation

- 3,78 % aller Abbrüche erfolgten nach der medizinischen Indikation

Quellen:

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Die Geschichte der § 218 StGB Teil 1

Inhaltswarnung: Nennung von nationalistischen Rassenideologien

Der § 218 StGB regelt seit nun mehr als 150 Jahren Abtreibungen. 1871 wurde der § 218 erstmals in das Strafgesetzbuch (StGB) des Deutschen Reiches aufgenommen. Abtreibungen wurden verboten und mit sechs Monaten Gefängnis bis hin zu fünf Jahren Zuchthaus [1] bestraft.\ War die Kirche bis Anfang des 19. Jahrhunderts noch davon ausgegangen, dass männliche Föten erst nach dem 40. Tag und Weibliche nach dem 80. Tag der Schwangerschaft „beseelt“ wurden, setze sich im Laufe des 19. Jahrhunderts die medizinische Erkenntnis durch, dass bereits bei der Vereinigung von Ei und Samenzellen eine Vorstufe des menschlichen Lebens erreicht wurde. Dies beeinflusste die Gesetze, sodass die im bayerischen Kriminalkodex von 1751 festgeschriebene Straflosigkeit in der ersten Schwangerschaftshälfte somit hinfällig war.

Mit den Jahrzehnten veränderten sich die gesellschaftlichen Ansichten und man debattierte über Indikationen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Forderungen der Frauenbewegungen nach einer liberaleren Lösung immer lauter und erreichten 1913 ihren Höhepunkt in einer „Gebärstreikdebatte“. Während die Arbeiter*innenklasse „Masse“ brauchte, wollten die Frauen Selbstbestimmung.

Der 1. Weltkrieg verhinderte durch die vielen Toten und den Bedarf an Soldaten sowie Arbeiter*innen mögliche Reformen des § 218. In der wirtschaftlichen Nachkriegskrise trafen die Befürworter*innen des Abtreibungsverbotes jedoch auf eine breite Gegenbewegung gegen den „Gebärzwang“. Als einzige Ausnahme wurde daraufhin 1927 im § 218 ein Schwangerschaftsabbruch aus medizinischen Gründen erlaubt.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich die Ausrichtung des § 218 – war vorher das „ungeborene Leben“ zu schützen, konzentrierte sich der § 218 nun auf die „Lebenskraft des Volkes“. Abtreibungen wurden als „Angriff auf die Rasse und das Erbgut“ neu eingeordnet. Die medizinische Indikation wurde zu einer Rassentheoretischen umgestaltet. Sie erlaubte ausgewählten „Erbärzten“ die Abtreibung von „unwertem Leben“ im Sinne der NS-Doktrinen, allen anderen wurde das Anbieten gewerblicher Abtreibungen verboten und unter Todesstrafe gesetzt.

Wie es nach dem 2. Weltkrieg mit dem § 218 weiterging, erfahrt ihr in einem weiteren Beitrag.

[1] Das Zuchthaus meinte ab dem 18. Jahrhundert ein Gefängnis mit strafverschärfenden Haftbedingungen für Häftlinge. Wesentlicher Bestandteil der Zuchthausstrafe war der Zwang zu harter körperlicher Arbeit, oft bis zur Erschöpfung, zum Beispiel in Steinbrüchen oder beim Torfstechen.

Quellen:

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Die Geschichte des § 218 StGB Teil 2

In einem vorherigen Beitrag hatten wir über die Anfänge des § 218 StGB bis hin zur Umstrukturierung des Paragrafen während der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten berichtet. Heute stellen wir euch vor, was danach geschah und wie sich der § 218 zu der heutigen Version entwickelte:

  • 1949: Nach dem Ende des Nationalsozialismus wurde die Änderung des § 218 gestrichen. Die Regelungen der Weimarer Republik wurden in der BRD fast unverändert wieder übernommen.
  • 1972: Im Rahmen breiterer Strafrechtsreformen wurde auch eine Änderung des § 218 geplant. Dies führte zu öffentlichen Auseinandersetzungen zwischen Befürworter*innen, die die Persönlichkeitsrechte der Schwangeren anerkannten, und Reformgegner*innen, die das uneingeschränkte Lebensrecht des Ungeborenen gefährdet sahen. In der DDR galt seit diesem Jahr die Fristenregelung.
  • 1974: Erst nach langwierigen Beratungen und Diskussionen stimmten die Abgeordneten für eine Fristenregelung. Demnach wäre ein Abbruch bis zur 14. SSW nach einer vorherigen ärztlichen Beratung straffrei gewesen. Der unionsdominierte Bundesrat legte Einspruch ein.
  • 1975: Die Karlsruher Richter erklärten die Fristenregelung als verfassungswidrig, weil sie der Verpflichtung aus Artikel 2 des Grundgesetzes, das „werdende Leben auch gegenüber der Mutter wirksam zu schützen“, nicht gerecht würde.
  • 1976: Der Bundestag verabschiedete eine Reform des § 218, die den Abbruch verbot, jedoch nicht strafrechtlich verfolgte, wenn eine von vier Indikationen bestand: die medizinische, die eugenische [1], die kriminologische und die soziale Indikation.
  • 1992: Nach der Wiedervereinigung musste eine gesamtdeutsche Regelung gefunden werden. Der Bundestag beschloss eine Reform, die einen Abbruch nach einer Beratung bis zur 14. SSW als straffrei definierte. Die Kosten sollten von den Krankenkassen übernommen werden.
  • 1993: Die Karlsruher Richter verhinderten aus dem gleichen Grund wie 1975 erneut die Verabschiedung der Regelung.
  • 1995: Der Bundestag setzte die Vorgaben aus Karlsruhe um. Seitdem gilt in Deutschland die modifizierte, uns bekannte Regelung.

[1] Die eugenische Indikation erlaubte einen Schwangerschaftsabbruch bei einer schweren Einschränkung oder Behinderung des Fötus. In der derzeitig gültigen Regelung findet sich diese Indikation in der medizinischen Indikation wieder.

Quellen:

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Hürden für Ärzt*innen und Medizinstudierende bei der Durchführung eines Schwangerschaftsabbruchs

Die Anzahl an Ärzt*innen, die einen Schwangerschaftsabbruch durchführen, sinkt. Gab es 2003 noch 2.050 Meldestellen, sank diese Zahl im zweiten Quartal von 2023 auf 1.098. Das bedeutet einen Verlust von 46,5 % aller Meldestellen innerhalb von 20 Jahren! Im Gegensatz dazu fiel die Anzahl an Abbrüchen nur um 18,8 % (2003: 128.000 / 2022: 103.297). Doch warum bieten immer weniger Ärzt*innen diesen alltäglichen medizinischen Eingriff an?

Damit beschäftigten sich Alicia Baier, Ärztin und Vorsitzende von Doctors for Choice Germany, sowie Anna-Lisa Behnke, Ärztin und Forscherin. In einer qualitativen Studie befragten sie in 18 Einzel-Interviews 14 Medizinstudierende und 4 Gynäkologinnen in Berlin nach Barrieren beim Angebot von Abtreibungen. Am häufigsten wurden das gesellschaftliche Tabu, der unklare rechtliche Rahmen und die damit einhergehende Stigmatisierung genannt.

In Deutschland ist der Schwangerschaftsabbruch durch den § 218 im Strafgesetzbuch geregelt und demnach grundsätzlich illegal. Nur unter bestimmten Voraussetzungen wird der Eingriff nicht strafrechtlich verfolgt.

Wenige Teilnehmer*innen lehnten die Durchführung von Abbrüchen aus eigenen religiösen Gründen ab. Bei einigen Medizinstudierenden spielten Unwissenheit und falsche Einschätzung bezüglich der Sicherheit des Eingriffs und möglichen Nebenwirkungen oder Komplikationen eine große Rolle. Da das Thema in der medizinischen Ausbildung nur selten behandelt wurde/wird, bezogen die Studierenden ihr (teilweise falsches) Wissen aus u.a. (religiös gefärbten) Medien wie Social Media, Serien und Filmen, dem Religionsunterricht oder persönlichen Erfahrungen.

Die Ergebnisse dieser qualitativen Studie zeigen, wie wichtig die Aufklärung und die Behandlung von Abtreibungen im Medizinstudium sind, um viele dieser Barrieren beseitigen zu können. Universitäten und Lehrkrankenhäuser müssen im Kontext von Abtreibungen dem Lehrauftrag nachkommen! Die politischen Entscheidungsträger*innen müssen Maßnahmen ergreifen, um den Schwangerschaftsabbruch zu entkriminalisieren und dadurch zu entstigmatisieren. Dies wäre z.B. möglich, wenn der Eingriff außerhalb des Strafgesetzbuches im Einklang mit internationalen Empfehlungen zur öffentlichen Gesundheit geregelt werden würde.

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Abtreibungen in Schweden (2022)

Seit 1975 ist in Schweden ein Schwangerschaftsabbruch generell bis zur 18. Schwangerschaftswoche (SSW) legal. Danach wird eine Zustimmung durch das Nationale Gremium für Gesundheit und Wohlfahrt benötigt. Diese Zustimmung kann jedoch nur bis zu dem Zeitpunkt erteilt werden, an dem der Fötus außerhalb des Uterus noch nicht überlebensfähig wäre. Die Grenze setzt das Nationale Gremium für Gesundheit und Wohlfahrt mit der 22. SSW. Die Ausnahme: Bei unmittelbarer Lebensgefahr der schwangeren Person darf auch nach der 22. SSW eine Schwangerschaft beendet werden.

Bis 1996 galt, dass ungewollt Schwangere zwischen der 12. und 18. SSW eine staatlich anerkannte Schwangerschaftskonfliktberatung besuchen mussten. Heutzutage ist dies nicht mehr notwendig.

2008 wurde rechtlich festgehalten, dass die Abtreibungsgesetze auch für ungewollt Schwangere aus dem Ausland gelten. Mit der Ausnahme, dass diese den Eingriff selbst zahlen müssen oder die Krankenversicherung des eigenen Herkunftslandes die Kosten übernimmt. Asylbewerber*innen und ungewollt Schwangere ohne Dokumente bezahlen seit 2013 für eine Abtreibung lediglich so viel, wie eine reguläre medizinische Untersuchung kosten würde.

Die relativen Zahlen in Schweden bewegen sich seit 1975 bei 18 bis 21 Abbrüchen pro 1.000 gebärfähigen Personen im Alter zwischen 15 und 44 Jahren. Es wird davon ausgegangen, dass rund die Hälfte dieser Personengruppe in ihrem Leben mindestens eine Abtreibung haben wird. 2022 wurden offiziell 35.456 Schwangerschaftsabbrüche verzeichnet. 84% dieser Eingriffe erfolgten noch vor der 9. SSW. Die hohe Anzahl von Abbrüchen in den ersten SSW rührt daher, dass die medikamentöse Methode am meisten genutzt wird. So wurden 2018 beispielsweise 93% aller Abtreibungen medikamentös durchgeführt. Im Vergleich dazu lag der Anteil medikamentöser Abtreibungen in Deutschland lediglich bei ca. 39%.

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Was gilt als "unsichere" Abtreibung?

Im Rahmen von reproduktiver Gesundheit wird häufig zwischen einer „sicheren“ und einer „unsicheren“ Abtreibung unterschieden. Doch was genau macht einen Schwangerschaftsabbruch “sicher” oder “unsicher” und ist ein Schwangerschaftsabbruch zuhause automatisch unsicher?

Studien der WHO zeigen, dass jährlich rund 25 Millionen aller Abtreibungen weltweit als unsicher gelten und mindestens 22.800 schwangere Personen bei diesen unsicheren Eingriffen sterben. Als „unsicher“ definiert die WHO die Eingriffe, die in den meisten Fällen von nicht fachgerecht ausgebildeten Personen durchgeführt werden. Doch auch medizinisch geschultes Personal kann einen operativen Abbruch „unsicher“ durchführen, wenn bspw. keine sterilen medizinischen Instrumente genutzt werden und/oder das Umfeld nicht den medizinischen Mindeststandards entspricht.\ Auch durch die schwangere Person selbstständig durchgeführte Abtreibungen können als „unsicher“ gelten, wenn sie giftige Substanzen einnehmen, Gegenstände oder Substanzen vaginal in den Uterus einführen oder äußere Kraft auf den Unterleib ausüben.

Bedeutet das also, dass selbst durchgeführte Abtreibungen mit anerkannten Medikamenten zuhause als „unsicher“ gelten? Nein! Die WHO u.a. schreibt dazu: „In den ersten 12 Wochen der Schwangerschaft kann ein medizinischer Schwangerschaftsabbruch auch außerhalb einer Gesundheitseinrichtung von den Schwangeren ganz oder teilweise selbst durchgeführt werden. Voraussetzung dafür ist, dass die Person Zugang zu genauen Informationen, hochwertigen Arzneimitteln und Unterstützung durch geschultes Gesundheitspersonal hat (wenn sie diese während des Prozesses benötigt oder wünscht).“\ Den Abbruch unsicher macht also nicht die eigenständige Ausführung, solange die entsprechenden Medikamente und wichtige Informationen vorhanden sind.\ Zu knapp 96 % sind medikamentöse Abtreibungen erfolgreich und sicher, Komplikationen können jedoch natürlich immer auftreten. Wichtig für ungewollt Schwangere in Ländern mit Abtreibungsverboten oder stark einschränkenden Gesetzen ist deswegen bspw., dass die Einnahme der Abtreibungsmedikamente bei der medizinischen Nachbehandlung nicht angegeben werden muss, sondern von einer natürlichen Fehlgeburt gesprochen werden kann. Die Behandlungsweisen unterscheiden sich dabei nicht.

Quellen:

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